Text: Sophia Blank // Fotos: Richard Kienberger
Eigentlich bin ich da rigoros: Eis isst man, wenn es draußen warm ist. Alles andere ist kein Wetter für Eis. Punkt. Doch auf dem Weg zur Eisbäuerin nach Eck bei Jetzendorf wurde ich eines Besseren belehrt.„In Finnland gehen die Leute übrigens im Winter zum Eisessen“, meint Chefredakteur Richard Kienberger, als wir über unsere Pläne für die Reportage sprechen. Ich bin skeptisch. Eis im November? Wirklich? Vielleicht hätten wir das Thema doch besser für die Frühlingsausgabe aufgehoben – rein aus „Eiswetter“-Sicht. Doch als wir schließlich am alten Hof in Eck ankommen, haben wir alles andere als tristes November-Schmuddelwetter. Die Sonne strahlt, die Luft ist mild. 15 Grad, kaum Wind, goldener Herbst. Und plötzlich überkommt auch mich die Lust auf Eis. Vielleicht ist Eiswetter doch weniger eine Frage der Temperatur, sondern eine Frage der Stimmung? Hier, bei der Eisbäuerin, werden wir es definitiv herausfinden!
Zwischen knirschendem Kies, raschelndem Laub und einer Prise Hofromantik beginnt die Geschichte, die fast selbst wie ein kleines Märchen klingt: die Geschichte der Eisbäuerin von Jetzendorf. Von einem Traum, der nie ganz verschwunden ist. Von Mut in einer Zeit, in der die Welt stillstand. Und von einem Eis, das im Geschmack so ehrlich ist, wie die Menschen, die es machen.
Der Traum vom Eis auf vier Rädern
Bernadette und Christoph Kollats Traum begleitet die beiden schon sehr lange. Viel länger, als es die Eisbäuerin überhaupt gibt. Er könnte aus einem Roadmovie stammen. „Bernadette und ich wollten schon immer einmal mit einem selbst ausgebauten VW-Bus durch Europa tingeln und Eis verkaufen“, erzählt Christoph Kollat, als wir gemeinsam über den Hof schlendern. „So ein bisschen Sommer auf vier Rädern“, meint er. Doch wie das Leben manchmal so spielt, siegte am Ende wohl doch immer die Vernunft. Beide hatten sichere Jobs, bauten sich ein gemeinsames Leben auf und dann kündigten sich auch schon die Kinder an. Heute sind es drei, und der Traum vom „fahrenden Eisverkäufer“ rückte Stück für Stück in den Hintergrund. Er wurde leiser, aber auch nie wirklich still.
Während der Corona-Pandemie klopfte dieser Traum wieder an. Erst zaghaft, dann immer lauter. Die große Europareise? Aus vielerlei Gründen nicht mehr realisierbar. Aber Eismachen – das war möglich. Und so fassten die Kollats einen Entschluss, der in einer Zeit der Ungewissheit mutiger kaum hätte sein können: keine halben Sachen, kein „vielleicht“, kein „mal sehen“. Sondern ein kompromissloses „Ja“. Sie kündigten ihre Jobs und wagten den Sprung ins Abenteuer Start-up. Die Idee zur Eisbäuerin aus Jetzendorf war geboren. Der Entschluss stand fest. Doch ein Traum allein macht noch kein Eis. Zunächst musste die Finanzierung stehen. Crowdfunding war der erste große Schritt, nach kurzer Zeit war aber klar: Das Projekt trägt sich. Die Kollats können auf eigenen Beinen stehen.
Beide haben ihre Rolle, die sie ausfüllt
Von nun an tauchten beide in ihre Rollen ein. Christoph übernahm Marketing und Vertrieb, baute die Marke „Eisbäuerin“ auf, fuhr Bestellungen persönlich aus und zählte anfangs jedes einzelne Steckerleis noch von Hand ab. Bernadette, gelernte Hauswirtschafterin, widmete sich mit einer Mischung aus Pragmatismus und Bauchgefühl der Produktion. „Eismachen ist nicht schwer“, sagt sie und lacht. „Ich hab, glaub ich, allerdings auch einen guten Geschmack und muss da gar nicht so viel rumprobieren. Aber jetzt kommt mal mit rein. Ich zeige euch, wo wir das Eis herstellen.“ Gesagt, getan. Ein paar Schritte weiter stehen wir schon mittendrin. Auf rund 20 Quadratmetern rührt Bernadette Kollat Bio-Zutaten zusammen, mixt oder bereitet Früchte vor. Zwischendurch huschen die Kinder am Fenster vorbei. „Einer schreit eigentlich immer“, meint sie trocken, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. Sie schafft es, in all dem Trubel eine erstaunliche Ruhe zu bewahren.
Was von außen betrachtet aussieht wie eine romantische Hofgeschichte, ist im Inneren harte Arbeit. Lange Tage, schlaflose Nächte, Lieferungen, Bürokratie, Verpackungsfragen, Hygienekontrollen, Vertrieb, Kinderbetreuung, Hofleben. All das will unter einen Hut gebracht werden. Und der muss hier groß sein.
Was die Kollats antreibt? Die Eisbäuerin war nicht nur eine Idee: Sie ist Wirklichkeit geworden. Wer der Eisbäuerin bei der Arbeit zusieht, versteht schnell: Für Bernadette Kollat ist Eis kein „Produkt“ im klassischen Sinne, sondern eine Mischung aus Sorgfalt, Instinkt und richtig guten Zutaten.
„Wir arbeiten mit Bauern aus ganz Europa zusammen“, sagt Christoph Kollat, während seine Frau einen frisch zubereiteten Sud abgießt. „Amalfi-Zitronen aus Italien, Aprikosen aus Südeuropa, Beeren aus regionalen Betrieben“, zählt er auf. Geliefert wird immer nur das, was gerade Saison hat.
Genau das ist aber auch die Herausforderung: Saison bedeutet ja, dass die Früchte genau dann kommen, wenn sie reif sind. „Und dann muss es schnell gehen.“ – „Sehr schnell“, ergänzt seine Frau. „Im Frühjahr haben wir wochenlang nur Zitronen gepresst!“
Wer braucht schon Sommer?
„Früher hab ich die Äpfel noch von Hand geschält und dann fein gerieben“, sagt Bernadette Kollat und verdreht bei der Erinnerung daran die Augen. „Man kann sich vorstellen, wie lange man dafür braucht. Und dann wird der Apfel auch noch sofort braun.“ Heute arbeitet sie mit selbst gekochtem Apfelmus. Das ist nicht weniger ehrlich, nur deutlich weniger Arbeit.
Was 2021 als kleine Kellerproduktion begann, wuchs in nur vier Jahren zu einem echten Betrieb heran. Der Platz wird knapp, die Abläufe müssen angepasst werden. Deshalb steht auch der nächste große Schritt bereits unmittelbar bevor: Es geht raus aus dem beengten Keller, rein in neue Produktionsräume, hin zu mehr Automatisierung und mehr Struktur. Eine weitere spannende – und sicherlich intensive – Zeit wartet auf die Kollats.
Die Nachfrage stieg in den letzten Jahren so an, dass in den Sommermonaten mittlerweile Saisonkräfte die Familie unterstützen, um mit der Eisherstellung nachzukommen. Doch nicht nur das Produktionsvolumen stieg rasant, sondern auch alles, was dazugehört. „Das Eismachen ist ironischerweise der kleinste Teil des Geschäfts“, sagt Bernadette Kollat und lacht. Viel zeitintensiver sind die Aufgaben, die danach kommen: Etiketten gestalten, Verpackungsvorschriften einhalten, Nährwerttabellen erstellen, Logistik planen. All die Dinge also, die niemand sieht, wenn er im Freibad ein frisches Steckerleis genießt.
Wer an Steckerleis denkt, denkt an Sommerferien
Die Logistik ist dabei besonders herausfordernd. In den Anfangszeiten fuhr Christoph Kollat jede Bestellung noch selbst aus. Ein Aufwand, der schnell an die Grenzen des Machbaren stieß. „Wir sind heilfroh, dass wir heute eine Spedition gefunden haben, die unser Eis zuverlässig liefert“, sagt er. „Und die Bestellungen laufen inzwischen kartonweise, nicht mehr einzeln.“
Wer an Steckerleis denkt, denkt an Sommerferien, an Badespaß, an klebrige Hände und an Eisflecken auf dem T-Shirt. Es ist ein Stück Kindheit, das man nie so ganz verliert. Für die Familie hat Eis am Stiel aber noch eine ganz andere Bedeutung: „Steckerleis ist ehrlich“, sagt Bernadette Kollat. „Da kann man nichts verstecken.“
Mit genau dieser Ehrlichkeit möchte die Eisbäuerin überzeugen. Ihr Eis kommt ohne Schnickschnack aus, mit so wenig Zucker wie möglich, dafür aber mit den besten saisonal verfügbaren Bio-Zutaten, die sich finden lassen. Es ist nur drin, was wirklich drin sein soll.
Der Erfolg gibt Bernadette und Christoph Kollat recht. Heute liefern sie ihr Eis deutschlandweit an ausgewählte Vertriebspartner aus. An manchen Verkaufsstellen, so weiß Christoph Kollat aus Erzählungen seiner Kunden, greifen die Leute fast schon automatisch zur Eisbäuerin: „Von fünf verkauften Eis am Stiel gehen da vier auf unser Konto!“, erzählt er stolz. Weil die Menschen wohl genau das wollen: Ehrlichkeit, Sorgfalt und Kindheitserinnerungen. Nostalgie, ja – aber nicht verstaubt. Sondern neu gedacht, bodenständig und echt.
Die Geschichte der Eisbäuerin wirkt ein wenig wie ein modernes Märchen. Sie erzählt den Traum von zwei Menschen, die ihr Ziel nie ganz aus den Augen verlieren wollten und in einer Zeit des Stillstands den Schritt nach vorne gewagt haben. Sie erzählt von einem Eis, das Kindheitserinnerungen weckt und zugleich zeigt, wie ehrlich Handwerk heute sein kann, wenn man es nur will. Und sie zeigt auch, dass es für gutes Eis kein bestimmtes Wetter braucht. Die Finnen haben schon recht: „Eiswetter“, ist das ganze Jahr.
Mehr zur Eisbäuerin finden Sie auf Instagram: @eisbaeuerin